Typografie – Eine notwendige Definition

20. 04. 2017 (*22. 11. 2016)

Nach den Anmerkungen zum Begriff Typografie, einer Bestandsaufnahme verschiedener Quellen im Web, und einer Verdeutlichung des Arbeitsgebietes im Beitrag Typografie und visuelle Kommunikation ist es angebracht, daraus Schlüsse zu ziehen.

Einleitung

Es ist in der erteilten Kritik einfach zu erkennen, dass Typografie meiner Auffassung nach eine Art der visuellen Gestaltung ist – und damit ein kommunikativer Auftrag. Die handwerklichen und technischen Aspekte der Typografie haben sich bereits in der Vergangenheit geändert und werden es künftig auch weiterhin.

Es ist notwendig, eine umfassende Definition für Typografie zu entwickeln, die allein die wesentlichen Eigenschaften umfasst – einschränkend darf sie dabei keinesfalls sein. Daher steht an dieser Stelle der Vorschlag einer Definition – mehr kann es zum jetzigen Zeitpunkt nicht sein. Die Zukunft wird zeigen, ob eine Übereinkunft darüber zustande kommt.

Vorschlag einer Definition

Typografie ist die sichtbare und bewusste Gestaltung von Schriftsprache zum Zweck der Kommunikation.

Erläuterungen

Sichtbar

»Sichtbar« ist zunächst grundsätzlich wörtlich zu verstehen, da Typografie nur über den Sinn (Kanal) »sehen« gänzlich erfassbar ist.

»Sichtbar« meint im weiteren »Visualisierung«, im Sinne von »verdeutlichter Sichtbarmachung«, und versteht darunter jegliche Einflussnahme des Gestalters, das Schriftbild zu verbessern.

»Sichtbar« muss demnach auch alle Formen der manuellen Schriftsprache betreffen, weil jede handschriftliche Nachricht ebenfalls ein Schriftbild darstellt.

Es ist daher nicht nötig, den Bereich Schreibschrift/Kalligrafie/Lettering von Typografie auszuschließen, wie es leider oft getan wird. Denn jeder Schreiber gibt durch sein Schriftbild Auskunft über sich als Sender, über die Nachricht und den beabsichtigten Empfänger.

Bewusst

»Bewusst« meint das Bewusstsein des menschlichen Verstandes, der Gedanken bildet, verknüpft und steuert. Davon ausgeschlossen ist jegliche maschinelle Ausarbeitung oder Erzeugung. Unterliegen dagegen Programmierung und Steuerung solcher Systeme menschlicher Entscheidung, muss auch dann die Eigenschaft »bewusst« gelten. Denn allein der menschliche Verstand entscheidet in diesen Fällen, wie die Darstellung aussehen soll.

In jedem Bestandteil einer Definition liegt wohl auch immer sein mögliches Gegenteil verborgen. Das darf hier nicht anders sein. So könnte man darauf bestehen, eine typografische Arbeit sei »bewusst nicht-bewusst« gestaltet oder eine Arbeit sei »unbewusst« ansprechend gestaltet.

Diese und weitere Möglichkeiten müssen hier ihren Platz finden; allein die kritische Auseinandersetzung mit den Arbeiten wird Maß und Qualität beurteilen können.

Gestaltung

»Gestaltung« ist im allgemeinen und bekannten Sinn als Schaffensprozess zu verstehen und sei hier nur erwähnt, um auch bei diesem Begriff das Gegenteil miteinzubeziehen. Denn auch die »Nicht-Gestaltung« einer Arbeit kann durchaus bewusst und willentlich gemeint sein. Dasselbe muss dann natürlich auch für »Falsch-Gestaltung« gelten. Es gilt in der jeweiligen Kritik, auch diesen Bereich zu untersuchen, um das gewollte Maß an Gestaltung festzustellen.

In diesem Zusammenhang ist darauf hinzuweisen, dass Gestaltungskriterien wie »Schönheit« und »Ästhetik« häufig mit ignorantem Selbstverständnis angeführt werden, ohne jedoch ihre Eigenschaften zu erläutern. Man trennt dadurch in völlig unnötiger Weise alle Gestaltungen ab, die eben nicht einem bestimmten (subjektiven) vorgestellten Ideal entsprechen, und drängt sie in die Wertlosigkeit.

Schriftsprache

»Schriftsprache« umfasst notwendigerweise alle Aufzeichnungen des menschlichen Verstandes. Die Art der Aufzeichnung, manuell oder maschinell/digital, ist dabei nicht von Belang. Auch die Dauerhaftigkeit der sprachlichen Fixierung unterliegt keiner Kritik - sie muss lediglich ihren Empfänger erreichen: Eine Nachricht, mit dem Finger auf eine beschlagene Scheibe geschrieben, und eine Nachricht, mit dem Stock in den Strand geritzt, sind demnach gleichwertig einem Buchdruck oder einer digitalisierten Arbeit.

»Schriftsprache« kann ein oder mehrere Zeichen betragen, auch kann ihr Inhalt als sinnvoll oder sinnlos empfunden werden. Aber allein der Sender (Schreiber) entscheidet über Formulierung und Inhalt der Nachricht, die er dem Empfänger (Leser) zukommen lässt.

Kommunikation

»Kommunikation« ist die Verbindung zwischen Sender und Empfänger. Die Übermittlung der Nachricht erfolgt über einen Kanal: hier »sehen«, und erfordert von beiden Beteiligten eine übereinstimmende Schnittmenge an Zeichenrepertoire.

Typografie als Mittel der Kommunikation, genauer: visueller Kommunikation, hat die Aufgabe, die Übermittlung der Nachricht zu beschleunigen und zu verbessern. Wie allerdings die Übermittlung verbessert wird, lässt sich nur aus dem Zusammenhang erklären und kann nicht pauschal bewertet werden (z. B. »Lesbarkeit«). Es sind dabei immer Sender und Empfänger, als auch Zweck der Nachricht zu berücksichtigen.

Die Verknüpfung »zum Zweck der Kommunikation« weist darauf hin, dass der Zweck befehlend oder beeinflussend oder sachlich sein kann.

Schlussbemerkung

Dieser Vorschlag wird vielleicht einigen zu offen und zu vage erscheinen oder zu schwammig, wie Ralf Herrmann befürchtet, man muss darüber sachlich diskutieren. Meiner Auffassung nach bietet diese Definition ausreichende Merkmale für eine Bestimmung des Aufgabengebiets Typografie. Eine Bestimmung, die dringend nötig ist, um eben Unstimmigkeiten auszuräumen.

Akzeptiert man jedoch diese Definition, dann gelingt es sicher, jegliche typografische Arbeit einer Kritik zu unterziehen. Dazu müssten wohl Bewertungsmaßstäbe berichtigt und/oder verdeutlicht werden, auch sind vielleicht weitere notwendig. Dies gilt es, zu ermitteln.

Es sollte aber zumindest den Fachbereichen der Hochschulen möglich sein, diese Maßstäbe zu entwickeln, um den Bereich »Typografie« sowohl in Theorie als auch in Praxis gründlicher erforschen zu können.

Frank Baranowski