Typografie: Die Begriffe Schönheit und Ästhetik

20. 04. 2017 (*22. 11. 2016)

Immer wieder ist in Bezug auf Typografie zu lesen, sie solle »schön« und »ästhetisch« gestaltet sein - auch wird »gute« Typografie gefordert. Doch keine dieser Eigenschaften wird erläutert oder begründet. Beispiele gibt es kaum oder keine. Ohne Begründung sind diese Begriffe jedoch nur Behauptungen; das soll an dieser Stelle untersucht werden.

Einleitung

Es ist anzunehmen, dass Schönheit und Ästhetik Ideale der typografischen Gestaltung darstellen: sie sind das Höchstmaß. Ihre Gegenteile sind damit Hässlichkeit und Unästhetik. Alle diese Eigenschaften werten eine Äußerlichkeit, sind also sichtbar, und unterliegen zuerst dem persönlichen Geschmacksempfinden. Dieses wiederum ist auch geprägt von Erziehung, Bildung, Kultur und weiterem. Daraus bildet sich eine Empfindung für Schönheit – und Ästhetik.

Wenn wir Schönheit und Hässlichkeit als Endpunkte einer Skala betrachten, wie Schwarz und Weiß einer Grauwertskala, so ergibt sich, dass einhundert Prozent Schönheit gleich null Prozent Hässlichkeit bedeutet und umgekehrt. Das ergibt zwar immer noch keinen Maßstab, scheint aber die Abhängigkeit der Begriffe zu belegen. Die Betonung liegt dabei auf »scheint«, denn wir werden später feststellen, dass diese Abhängigkeit zu Fehlern in der Beurteilung führt.

Historische Quellen

Als Maßstäbe für Schönheit könnten folgende historische Aussagen gelten (ohne Anspruch auf Gültigkeit):

Denn als Schönes bezeichnet man die Beschaffenheit des Guten, der zufolge es der Wahrnehmung als angenehm erscheint, während man als Gutes diejenige Beschaffenheit bezeichnet, der zufolge es dem Gefühl angenehm ist.

Jean de la Rochelle

Ebenso ist für das Wesen der Schönheit ganz allgemein das richtige Verhältnis von Teilen oder Prinzipien […] erforderlich.

Albertus Magnus

Die Schönheit aber ist Einklang und Proportion eines Dinges in sich selbst und Harmonie aller seiner einzelnen Teile in sich selbst und […] in bezug auf das Ganze.

Robert Grosseteste

Schönheit nämlich ist Harmonie der Proportionen.

Robert Grosseteste

Denn die Sinne leiden unter dem Übermaß, und sie erfreuen sich an der rechten Mitte.

Bonaventura

Die Formen sind schön allein aufgrund der Einzelaspekte und ihrer wechselseitigen Verbindungen.

Witelo

Für die Schönheit bedarf es dreier Dinge. Erstens der Vollständigkeit oder Vollkommenheit […] Weiter der rechten Proportion oder Harmonie. Und schließlich der Klarheit oder des Glanzes.

Thomas von Aquin

Die Schönheit ist keine absolute Qualität im schönen Körper, sondern das Kompositum von allem, was sich in ihm vereint.

Duns Scotus

Schönheit ist also eng verbunden mit dem Guten. Als notwendige Eigenschaften zählen Harmonie, Proportion, Vollständigkeit und Klarheit, darüber hinaus das richtige Maß. Erst die Verbindung und ihr gegenseitiges Zusammenspiel schaffen eine Komposition und damit Schönheit. Es gibt also keine Schönheit an sich, sie bildet sich aus dem Einklang ihrer Teile: Dieser wirkt angenehm und ästhetisch.

Die zitierten Autoren geben hier allgemeine Hinweise, sprechen gerade mal von Ding, Form, Körper, ohne Bezug auf ein bestimmtes Objekt. Dennoch ist der Leser schnell geneigt, hierin ein Schönheitsideal zu erkennen, zu dem er aufschauen kann. Das ist nicht richtig. Es könnte sich genauso gut um die Schönheit einer Ratte handeln oder um die Ästhetik eines Scheiterhaufens – alle Zitierten lebten im Mittelalter.

Schönheitsbezug

Deutlicher wird die nächste Aussage, die einen allumfassenden Blick wagt:

Die Schönheit der Welt ist alles, was man in ihren einzelnen Elementen sieht, wie den Sternen am Himmel, den Vögeln in der Luft, den Fischen im Wasser, den Menschen auf der Erde.

Wilhelm von Conches

Wilhelms Blick geht in die Runde, und er erkennt die Schönheit in den Kreaturen, wie sie geschaffen sind – besser noch: weil sie erschaffen sind. Er greift damit wieder den Schöpfungsgedanken der Genesis auf: Ein jedes nach seiner Art. Von schön und hässlich ist dort nämlich nichts zu lesen, auch nicht von Makel oder makellos. Und Gott sah, daß es gut war.

Die Zitate sind allesamt demselben Buch entnommen (Eco: Kunst und Schönheit im Mittelalter, 1993), und das aus gutem Grund. Findet sich dort doch auch folgendes Zitat, das noch viel deutlicher wird:

Man nennt das Bild des Teufels ›schön‹, wenn es die Häßlichkeit des Teufels gut wiedergibt und also häßlich ist.

Bonaventura

Diese unbefangene Sichtweise weitet den Schönheitsbegriff auf das vermeintliche Gegenteil, Hässlichkeit, aus. Und es gelingt ihr, der Hässlichkeit eine messbare Schönheit zu verschaffen. Damit ist der Grad an Schönheit allgemein anwendbar geworden. Das ist wichtig zu wissen. Denn auch heute noch wird das Denken zu schnell von Gegenpolen beherrscht, die unvereinbar erscheinen.

So ist es unbestreitbar, dass alle genannten Merkmale der Schönheit auch auf die Spinne zutreffen: Ihr Körper ist symmetrisch, proportioniert und harmonisch, also schön. Sie ist damit sogar im Zusammenspiel der Merkmale ästhetisch. Wer jedoch Angst oder Ekel vor Spinnen empfindet, wird diese Schönheit aber kaum wahrnehmen.

Schönheit steckt sowohl im Atom wie auch in einer Atombombenexplosion. Je nach Standpunkt wird man eine Waffe, einen Napalmangriff oder einen sadistisch zugerichteten Leichnam als schön-ästhetisch oder nicht bezeichnen.

Es ist wichtig, für jede Kritik, dass sie unbefangen alles als kritikwürdig zulässt. Dies gilt natürlich auch für typografische Kritik. Andernfalls stehen vermeidbare Einschränkungen im Wege, die einen Fortschritt verhindern.

Die Vorteile unbefangener Kritik liegen auf der Hand. Typografische Arbeiten, die bislang vielleicht als schlecht oder kritikunwürdig eingestuft wurden, geraten zusätzlich in den Blickpunkt. Bereiche wie Punk, Underground, Szene, Graffiti und Propaganda: Sie alle bringen typografische Arbeiten hervor, ebenso wie die Regenbogenpresse, die nun auch einer besseren typografischen Kritik unterliegen sollte. Man kann sie inhaltlich ablehnen, doch muss man akzeptieren, dass Typografie für bestimmte Empfänger/Leser gestaltet: die Zielgruppe.

Jeder Meister möchte seinem Werk die bestmögliche Beschaffenheit geben, nicht an sich, sondern in Hinsicht auf den Zweck.

Thomas von Aquin

Schlussbemerkung

Eigenschaften wie Schönheit und Ästhetik, auf Typografie angewandt, bedürfen unbedingt einer allgemein nachvollziehbaren Erläuterung, um möglichst messbare Kriterien zu benutzen. Andernfalls sind es nur Schlagworte, die beliebig kritisieren; grob gesagt: Behauptungen. Die Begriffe gehören unvoreingenommen ausgeweitet, um jegliche typografische Arbeit in die Kritik zu stellen.

Die schriftliche (und typografische) Kommunikation zwischen Sender und Empfänger unterliegt einem Zweck: Die Nachricht hat ein Ziel, sie soll etwas bewirken. Nicht Schriftsprache und Inhalt der Nachricht, wohl aber ihr Zweck muss akzeptiert werden. Dann erkennen wir auch Schönheit und Ästhetik in unliebsamen Publikationen.

Frank Baranowski

Siehe auch: Typografie und visuelle Kommunikation