Schreibschrift und Typografie

20. 04. 2017 (* 14. 12. 2016)

Schreibschrift (als übergeordneter Begriff) zählt selten zur Typografie. Doch Schreibschrift, Kalligrafie und Lettering sind manuelle Maßnahmen, die Schriftsprache ebenso visuell zu gestalten. Offenbar sieht man Typografie als technische Arbeit im Gegensatz dazu. Diese Trennung erscheint jedoch unverständlich, betrachtet man die innewohnenden Qualitäten genauer.

Einleitung

Wikipedia beschreibt die lateinische Schreibschrift als dynamisch bestimmt wegen höherer Schreibgeschwindigkeit. Das flüssige Schreiben […] mit der Hand wird überwiegend als wichtig erachtet. Diese Ausdrucksqualität versuchten bereits die ersten Buchdrucker zu erreichen, denn die Schreibschrift stand in direkter, harter Konkurrenz zum Buchdruck.

Ebenfalls Schreibschrift meint Susanne Dorendorff, wenn sie gute Handschrift und schöne Handschrift beschreibt. Sie sieht darin Authentizität und Ausdruckskraft. Sie trennt diese Art des Schreibens ausdrücklich von Kalligrafie, diekünstlich, ausgearbeitet, uniform, konstruiert und symmetrisch sei. Ihr fehle die Vitalität der Handschrift und sei damit das Gegenteil: nämlich bewusst angelegte Dekoration. Dazu liefert die Autorin an der Stelle jedoch keine Erläuterung.

Im Folgenden sollen Kalligrafie und Lettering stellvertretend für Schreibschrift näher betrachtet werden, um ihre Art der visuellen Gestaltung zu verdeutlichen.

Kalligrafie

Kalligrafie wird gern direkt mit Schönschrift übersetzt, womit dieser Bereich jedoch nicht vollständig abgesteckt ist. Wikipedia sieht in ihr eine Abgrenzung zur Typografie, dem Setzen mit vorgefertigten Formen. Kalligrafie sei wichtiger als Lesbarkeit, entscheidender sei das Sichtbarmachen von Emotionen. Das Schöne scheint also dem Gefühlten Platz zu machen.

So zeigt Ars Scribendi in seiner Galerie eine Vielzahl an ausgefallener Kalligrafie, die nicht unbedingt als Schönschrift gelten. Ebenso stellt der Kalligraf Werner Winkler eindrucksvolle Arbeiten vor. Weitere herausragende Beispiele zeigt die Berliner Sammlung Kalligraphie in ihrer Sammlung Im Zaubergarten der Schrift.

Auffällig an vielen dieser Werke ist, dass sie den überlieferten Begriff Schönschrift verlassen und vielmehr ausdrucksstark wirken, kraftvoll, ausladend und formatbestimmend, ganz gleich, wie hoch der Textanteil im Layout ist. Dieses meint wohl auch das Gutenberg-Museum, wenn es moderne Kalligrafie erwähnt und sogar eine Anwendung als Werbeschrift sieht. Friedrich Neugebauer bestätigt dies (vgl. Kalligrafie als Erlebnis, 1981) mit seinen Gestaltungshinweisen für Werbung, die er auch mit Bildbeispielen belegt.

Kalligrafie scheint von Typografie doch nicht so einfach zu trennen zu sein. Das zeigt sich noch überzeugender beispielsweise in den Arbeiten von Herrmann Zapf, Friedrich Poppl und Gottfried Pott. Ihre schreibschriftlichen Entwürfe waren Grundlage erfolgreicher Schriftarten wie Zapfino, Poppl Exquisit und Carolina. Auch gegenwärtige Font Designer wie Laura Worthington folgen ihren manuellen Vorlagen. (Diese Gestalter stehen hier lediglich stellvertretend für viele weitere.)

Die Abgrenzung von Schreibschrift und Kalligrafie zur Typografie scheint daher willkürlich zu sein. Vermutlich liegt es in der Betrachtung des typografischen Arbeitsgebietes als Fach mit vorgefertigten Formen. Diese Trennung ergibt jedoch keinen Sinn. Wie wollte man auf diese Weise typografische Arbeiten manueller Art beurteilen und einordnen? Oder sind sie schlichtweg keine Typografie? Nur: Was sind sie denn dann?

Für die letzten Jahre ist festzustellen, dass gerade die Werbung vermehrt mit sehr individuellen Schriftarten arbeitet, um bei den Zielgruppen eine persönliche Ansprache zu erzielen. Dies kann durchaus als Trend angesehen werden. Man versucht offenbar, mit einem hohen Maß an Direktheit und Vertrautheit die Tatsache der Massenkommunikation zu verschleiern.

Mittlerweile besteht eine beachtliche Anzahl von Scriptfonts, die ein quasi manuelles Schriftbild erzeugen, wobei zusätzliche Features für bewusste Ausnahmen sorgen (wie Swashes, Ligaturen). Somit sind Schreibschrift und Kalligrafie durchaus Bestandteile der Typografie, sowohl im singulären Sinn (als individuelle Botschaft) wie auch im pluralen (als massenmediale Botschaft).

Lettering

Das Lettering kennt mindestens zwei Bedeutungen, wenn man die Schildermalerei davon ausnimmt. Das technische Lettering wurde mittels Schablonen Zeichen für Zeichen manuell aufgetragen (z. B. Maschinenbau, Architektur), später auch mechanisch.

Das (manuelle) Lettering in Comic-Büchern begann bereits in den 1940er Jahren in den USA und verbreitete sich daraufhin in weitere Länder. Das Lettering konnte jemand besorgen, der eigens dafür bestellt wurde (Marvel, DC), oder der Zeichner selbst: So war Carl Barks über Jahre hinweg persönlich für das Lettering seiner »Donald Duck«-Geschichten zuständig.

Im franko-belgischen Schaffensraum wurde das Lettering quasi zu einer persönlichen Angelegenheit vieler Zeichner – sie erschufen damit eine unvergleichliche Bildsprache der Texte: Uderzo (Asterix), Giraud/Moebius) (Lt. Blueberry, John Difool), Philippe Druillet (Lone Sloane) und Franquin (Gaston, Spirou und Fantasio) sind nur beispielhaft zu nennen. Bei den deutschen Verlagen und Lizenznehmern konnte man sich lange Jahre nicht mit dem Lettering anfreunden (z. B. Ehapa, Kauka) und benutzte statt dessen gesetzte Texte in Groteskschriftarten. Seit einiger Zeit erscheinen jedoch Neuausgaben (Asterix, Lucky Luke), die zumindest mit handschriftähnlichen Fonts lettern.

Anspruchsvolle Comic-Bücher erscheinen jedoch mit manuellem Lettering. In der Vergangenheit war vermutlich der Volksverlag der erste, der konsequent auf handschriftliches Lettering setzte und damit versuchte, den originalen Schriftbildcharakter fremdsprachiger Vorlagen nachzuahmen und dadurch zu erhalten.

Das Lettering eines Comic-Buches soll eine beabsichtigte Stimmung erzeugen und im Sinne der Geschichte wirken. Dies kann u. U. zu schwer lesbarem Text führen (Volksverlag in einigen Fällen), was aber wegen der Botschaft der Story dann durchaus gerechtfertigt ist.

Das Lettering ist demnach nicht zwangsläufig eine Tätigkeit, die typografischen Ansprüchen ungenügend erscheinen mag. Zwar ist es in seiner Anwendung nicht so weit verbreitet, doch in seiner manuellen Ausfertigung durchaus persönlich, ansprechend und themenbezogen.

Schlussbemerkung

Wenn weder Typografie noch Medientheorie die manuelle Gestaltung von Schriftsprache gelten lassen, ist dies zunächst keineswegs nachvollziehbar, da doch bereits bestehende Anwendungsgebiete in der Massenkommunikation vorhanden sind (siehe oben).

In welchen besonderen Bereich wollte man denn Schreibschrift-Kalligrafie-Lettering einordnen – und warum? Der Bezug zu Typografie und visueller Kommunikation ist eindeutig gegeben.

Wollte man trotzdem eine Trennung zwischen industriell gefertigten Vorlagen/Schablonen (wie Fonts) und Schreibschrift erzwingen, um z. B. die beliebige Reproduzierbarkeit als Kriterium geltend zu machen, so ist dem einiges entschieden entgegenzusetzen:

  • Jegliche Schreibschrift kann ebenso wie andere Vorlagen digitalisiert (Scan, Foto) und darüber hinaus in einen Font verwandelt werden, und ist dementsprechend reproduzierbar.
  • Bereits Gutenberg versuchte, die Schreibschriften der Mönche mit seinen starren Buchstaben nachzuahmen, wobei er sogar verschiedene Varianten einzelner Zeichen und spezifische Ligaturen benutzte (vgl. Faulmann „Das Buch der Schrift“, 1880, Reprint 1985).
  • Letztlich aber, und das ist der entscheidende Einwand hierbei: Jegliche Automatisierung und Industrialisierung der Schriftsprache (wie durch Fonts) innerhalb der Massenkommunikation kann doch nur als weiterer Schritt weg vom Persönlichen, Menschlichen bewertet werden. Die direkte Kommunikation von Mensch zu Mensch findet auch damit immer weniger statt. Diesen Verzicht an Möglichkeiten halte ich für eine schwerwiegende Fehleinschätzung und unnötige Eingrenzung der kommunikativen Möglichkeiten.

Frank Baranowski

Siehe auch: Anmerkungen zum Begriff Typografie