Typografie und visuelle Kommunikation

20. 04. 2017 (* 22. 11. 2016)

Leider wird Typografie oft nur bedingt der Kommunikation zugeordnet. Das erscheint ebenso vage, als versuchte man das Auto zu beschreiben (»hat vier Räder«, »kann um Kurven fahren«), ohne seine hauptsächliche Eigenschaft als Verkehrsmittel zu benennen. Typografie visualisiert vorhandene Texte. Texte beinhalten Nachrichten eines Sender für einen Empfänger: das ist Kommunikation.

Einleitung

Typo-Info schreibt nichts von visueller Gestaltung und auch Desig-n.de erwähnt nur Textgestaltung. Typografie.info versucht sich in einer doppeldeutigen Definition, aber das Typolexikon erwähnt visuelle Gestaltung. Im gleichen Beitrag erfahren wir dort sogar, dass bereits Moholy-Nagy von einem Medium der Kommunikation sprach.

Es ist aber nicht schwierig, Typografie als Teil der visuellen Kommunikation zu betrachten. Ihre Arbeitsmittel betreffen ausschließlich das sichtbare (visuelle), eben grafische Aussehen eines Textes zum Zweck der Nachrichtenübertragung, und damit befinden wir uns im Bereich der »visuellen Kommunikation«.

Wikipedia äußert sich daher weitblickend, dass Typografie die visuelle Erscheinung eines gestalteten Werkes mit dessen Inhalt (Botschaft) in Einklang zu bringen versucht und sieht den Typografen in der Rolle des Co-Autors. Dies ist ein deutlicher Hinweis auf den Kommunikationsauftrag.

In diesem Beitrag sollen die verschiedenen Bestandteile der schriftlichen Kommunikation erörtert werden, um das Arbeitsgebiet der Typografie deutlich herauszustellen.

Sprache – Schriftsprache – Bildsprache

Zur besseren Unterscheidung sollen die verschiedenen Arbeitsbereiche vorgestellt werden, um eine fälschliche Vermengung zu vermeiden.

Sprache ist das erste Medium zur Kommunikation; es ist das Übertragungsmittel, das den menschlichen Gedanken zum Inhalt hat, der an sich nicht-sprachlich, non-verbal ist (vgl. McLuhan: Die magischen Kanäle, 1994). Die sprachlichen Mittel sind dabei auch Betonung, Lautstärke, Pausen, Atmung und weitere. Daneben stehen nicht-sprachliche Mittel wie Mimik, Gestik, Haltung und weitere.

Schriftsprache ist ein Medium, dessen Inhalt Sprache ist. Hierbei entfallen verschiedene sprachliche Mittel wie Betonung und Lautstärke als auch nicht-sprachliche Mittel wie Mimik und Gestik. Der Schreiber kann versuchen, diesen Mangel durch nicht-sprachliche Mittel zu beheben, z. B. durch Ansprache, Wortwahl, Satzbau, Gliederung usw.), ausgleichen kann er dadurch aber nicht. Schriftsprache ist also bereits eine Einschränkung der Mittel.

Bildsprache schließlich (und nichts anderes ist Typografie) hat zum Inhalt Schriftsprache. Sie benutzt visuelle, nicht-sprachliche (non-verbale) Mittel wie Schriftart und -stil, Größen, Abstände, Farben und weitere, um auf diese Weise Schriftsprache in ein sprachliches Werk zu verwandeln, d. h. die Einschränkungen der Schriftsprache möglichst rückgängig zu machen.

Textgestaltung

Wenn man Typografie mit Schriftgestaltung oder Textgestaltung übersetzt (wie es leider häufig der Fall ist), dann erzeugt man gleichzeitig großen Erklärungsbedarf. Der Text, Schriftsprache, besteht aus Schriftzeichen (in Westeuropa ist es die Lateinschrift); Typografie bedient sich aber nicht schriftlicher, sondern grafischer, visueller Zeichen: selbst die Schriftart ist nur die grafische Darstellung der Schrift. Typografie gestaltet nur das Aussehen des Textes, den Text selbst gestaltet sie nicht.

Der Text als solcher ist vom Autoren (Sender) vorgegeben: er benutzt schriftsprachliche Mittel (Codes wie Ansprache, Vokabeln, Satzbau) und erzeugt damit eine innere Gestaltung des Textes, dessen Nachricht er übermitteln will (vgl. Urban: Text-Design, 1989). Darüber hinaus gibt er dem Text eine äußere Gestaltung, indem er formale Mittel anwendet wie Überschriften, Absätze, Zwischenüberschriften (Ordnungsfaktoren).

Der Begriff Textgestaltung beinhaltet also drei Bedeutungen:

  • innere Gestaltung (wie Ansprache, Vokabular) durch Autor
  • äußere Gestaltung (wie Form, Ordnung) durch Autor
  • zusätzliche äußere Gestaltung (wie Schriftart, Farbe, Form, Ordnung) durch Typograf

Man könnte sagen, der Typograf als visueller Gestalter arbeitet nur zufälligerweise mit Text. Im Grunde handelt es sich beim Text um alphabetische lineare Zeichenformen, deren Aussehen er in eine besser wahrnehmbare, eben bildhafte, Darstellung ändern soll.

Anteil der Typografie (in rot) an der visuellen Kommunikation einer schriftlichen Nachricht
Sender Visuelle schriftliche Nachricht Empfänger
Sender/Schreiber/Autor Typograf
Syntax Inhalt
Schriftsprache
Syntax Aussehen
Bildsprache
Codes
Subcodes
.
.
.
Form Form
Helligkeit
Farbe
Material
Bewegung
Ordnung Ordnung
Semantik
Pragmatik

Wikipedia sieht im Typografen bereits einen Autoren: es werde u. U. auch versucht, eine unterschwellig andere Botschaft (Subtext) zu vermitteln. Durch eine derartige Beeinflussung der Aussage beanspruche der Typograf als visueller Gestalter die Rolle des Co-Autors. Man könnte anders sagen: Der Typograf schlüpft in die Rolle des Senders. Seine Verantwortung liegt also nicht allein in der visualisierenden Gestaltung zum Zweck von Lesbarkeit und Harmonie.

Die obige Abbildung stellt den Typografen als zweiten Sender zur Seite; dies ist jedoch keine Notwendigkeit: Es versteht sich, dass der Autor (Sender) selbst visuelle Gestaltungsmittel benutzen kann. Dies ist heutzutage sogar oft der Fall, da nahezu jede visualisierende Kommunikationssoftware (typo-)grafische Möglichkeiten bietet. Man mag nun vielleicht deren Qualität in Frage stellen, Tatsache bleibt aber, dass der Autor selbst typografische Maßnahmen ergreift, angefangen bei Form, Ordnung und Gliederung, die allesamt visuelle Mittel sind.

Visuelle Kommunikation

In der Kommunikationstheorie wird recht erfolgreich untersucht, welche Zeichen (und -repertoires) der Sender benutzt, um eine schriftliche Nachricht über einen bestimmten Kanal an den Empfänger (hier: Leser) zu übermitteln.

Die visuelle Kommunikation (bildhaft für das Auge; non-verbale Mittel) verwendet ebenso Zeichen (und -repertoires) und wird grundsätzlich auch mit allen Mitteln der Kommunikationstheorie untersucht (vgl. Kerner/Duroy: Bildsprache 1, 1985). Im grafischen Bereich (und gebrauchsgrafischen wie Werbung) ist es seit langem üblich, diese Untersuchungen anzustellen. Im typografischen Bereich (und die Typografie kann nur ein Teilbereich des Grafikdesigns sein) blieb es bisher aber weitgehend unterlassen.

Visuelle Kommunikation, Bildsprache, benutzt syntaktische Mittel (aus den Bereichen Form, Helligkeit, Farbe, Material und Bewegung) und stellt Zeichen zueinander in Bezug, indem sie z. B. Ordnungsfaktoren wie Lage, Richtung, Abstand, Menge und Maß einsetzt. Nichts anderes macht die Typografie, denn sie benutzt visuelle, non-verbale Zeichen wie Schriftart, Farbe, Abstände.

Es gibt aber wohl keinen Text, der nicht wenigstens eine typografische Eigenschaft aufweist (neben Form und Ordnung). Häufig ist es bereits die Schriftart. Allein ihre Wahl ist eine typografische Leistung. Eine Nachricht, auf einem bestimmten Schreibmaschinentyp geschrieben, könnte auch auf einem anderen Schreibmaschinentyp geschrieben werden – oder eben schreibschriftlich, womit das Höchstmaß an Individualität erreicht wäre. Damit ist bereits der Schreiber ein Typograf im mindesten Sinn.

Mit anderen Worten: Die lineare, ausdruckslose Form des Schriftzeichens, wie Frutiger sie zeigt, gibt es im Gebrauch kaum: sie ist das (theoretische) Skelett, das je nach Gestalter anders gekleidet wird (vgl. Frutiger: Der Mensch und seine Zeichen Bd. 2, 1979).

Vergleich des linearen Buchstabens A mit gestalteten Formen desselben Buchstaben in verschiedenen Schriftarten.
1 zeigt das lineare Skelett des Buchstabens A, danach Gestaltungen einiger Schriftarten:
2 Tekton, 3 Cooper Black, 4 Brush Script, 5 Giddyup.

Schlussbemerkung

Typografie ist ein Werkzeug zur Visualisierung, das als Material Schriftsprache braucht: Ohne Text keine Gestaltung.

Typografie wird aber immer noch textbezogen (z. B. Mikrotypografie) und medienbezogen (z. B. Buch, Screen) betrachtet. Eine Rechtfertigung oder gar Entschuldigung ist es jedoch keinesfalls. Solange Typografie (gestaltende und theoretische) nicht im kommunikations- und zeichentheoretischen Rahmen besprochen und diskutiert wird, kann es keine gewinnbringenden Erkenntnisse auf analytischer Basis geben.

Typografie muss grundsätzlich Inhalt und Zweck einer Nachricht anerkennen und darf sich nicht beeinflussen lassen, ob die Nachricht befehlend oder informativ oder beeinflussend ist. Andernfalls kann sie beispielsweise weder Propaganda noch Produkte der Massenkultur einer gerechten Kritik unterziehen.

Typografie muss die Grundlage der Gestaltung (den Text als solchen) als Voraussetzung hinnehmen, denn die Kritik an der Nachricht selbst obliegt nicht ihr, sondern z. B. dem Bereich der Linguistik: Sie untersucht den Text in sich, in seiner Beschaffenheit der Wortwahl, seinem Satzgefüge, dem Sprachschatz und weiterem, also in seiner schriftsprachlichen Gestaltung.

Nun wird deutlich, wie sträflich oberflächlich der Begriff »Textgestaltung« häufig zur Beschreibung von Typografie missbraucht wird, da der Text doch bereits gestaltet ist. Typografie kann sich demnach nur auf eine äußerliche und sichtbare – überspitzt: visualisierte – Gestaltung berufen, die auf der/den bereits vorhandenen aufsetzt.

Denn der innerlich/äußerlich gestaltete Text (durch den Schreiber) kann durchaus auch ohne weitere Typografie seinen Empfänger erreichen – nötigenfalls über einen anderen Kanal: hören – , womit Typografie gänzlich überflüssig wäre. Die grafische Arbeitswelt muss sich darüber im Klaren sein: Typografie ist ein visueller Katalysator. Mehr nicht.

Frank Baranowski

Siehe auch: Typografie – Eine notwendige Definition