Anmerkungen zum Begriff Typografie

20. 04. 2017 (* 22. 11. 2016)

Wollte man die gebräuchlichsten Begriffsbestimmungen von Typografie zusammenfassen, dann ergäbe sich eine sehr vage Definition, die außerdem auch auf Falschaussagen beruhte. Doch eine Diskussion darüber findet leider nicht statt.

Einleitung

Mit der Ausbreitung der digitalen Kommunikationsmittel hat sich der Begriff Typografie nun auch in der Allgemeinheit verbreitet. Ebenso bringt das Web verschiedene Veröffentlichungen hervor, die jedoch in der Summe inhaltlich als unzureichend, sogar irreführend und falsch bewertet werden müssen. Und hiermit wird der Mangel an einer gültigen Definition deutlich.

Man kann von der allgemeinen Öffentlichkeit kaum erwarten, aus widersprüchlichen Aussagen eine gültige Definition herauszuziehen, aber man kann durchaus erwarten, dass Fachleute aus Berufen und (Aus-)Bildung konkrete und übereinstimmende Aussagen zum Begriff Typografie treffen.

Die folgende Bestandsaufnahme beschäftigt sich ausschließlich mit Quellen, die im Web zugänglich sind. Sehr bedauerlich ist es, dass dabei keine Texte aus den Fachbereichen der Hochschulen zu finden waren.

Der Artikel beginnt mit gebräuchlichen Begriffsbestimmungen, wie sie vielerorts als knappe Beschreibungen zu finden sind, und widmet sich anschließend einigen Beispielen, die sich intensiver mit Typografie beschäftigen.

Gebräuchliche Begriffsbestimmungen

Alle recherchierten Quellen beschreiben Typografie anders. So finden sich folgende allgemeine Aussagen, in Stichworten zusammengefasst:

  • Wikipedia:
    • Im Artikel von 2009 (veraltet) bei erster Recherche:
      • Kunst des Druckens
      • Abgrenzung zur Handschrift
      • Gestaltungsprozess
    • Zum aktuellen und erweiterten Artikel (Stand: 02. 11. 2016): siehe unten.
  • Typo-Info:
    • Lehre von der Form und Gestaltung von Schriftzeichen
    • Gestaltung von Druckwerken durch Texte
    • Lehre von den einzelnen Buchstaben, Zusammenfügung einzelner Buchstaben, Wörter, Sätze usw.
      (Anmerkung: dies trifft auch auf den Schreibunterricht der ersten Grundschulklasse zu)
    • Grundelemente der Textgestaltung im Gegensatz zum Layout
      (Frage: Makrotypografie ausgeschlossen?)
  • Desig-n.de:
    • Lehre von der Form und Gestaltung der Schriftzeichen
    • Darbietung von Text auf verschiedenen »Oberflächen«
    • Lehre von den einzelnen Buchstaben, Zusammenfügung einzelner Buchstaben, Wörter, Sätze usw.
      (Anmerkung: dies trifft auch auf den Schreibunterricht der ersten Grundschulklasse zu)
    • Grundelemente der Textgestaltung
      (Anmerkung: Typograf wird in dieser Quelle erläutert mit andere Bezeichnung für Schriftsetzer)
  • ITWissen.info:
    • Darstellung eines Schriftbildes
    • Gestaltung von Texten
    • Textumbruch
  • Forum Typografie:

Damit sind die hauptsächlichen Kurzeinträge weitgehend erschöpft. Viele weitere Quellen gehen offenbar von einem gesicherten Verständnis des Begriffs Typografie aus. Erwähnt sei an dieser Stelle jedoch der Versuch einer modernen und kurzen Definition von Ralph Berger, nachzulesen bei Druckschriften.de. Berger sieht die bestehende Problematik, versucht sie aber auch nur mit bestehenden Fachbegriffen in den Griff zu kriegen.

Es hat den Anschein, als hinge der Begriff Typografie hilflos irgendwo zwischen seiner ursprünglichen Bedeutung, nämlich Bereiche der »Buchdruckkunst« betreffend, und der gegenwärtigen Anforderung, alle (typo-)grafischen Texterzeugnisse von materiell bis virtuell in den Griff zu bekommen, wobei leider nur technisch-digitale Arbeit verstanden wird; manuelle Visualisierung fällt dabei weg.

Beispiel: Eintrag Typografie (Typolexikon, Stand: 17. 04. 2016)

Das Typolexikon unterscheidet im Eintrag Typographie zwischen historischer Bedeutung des Begriffs (sämtliche Bereiche des Buchdrucks) und jetziger Anwendung: visuelle Gestaltung und Wahrnehmung.

Der Begriff, so Autor Wolfgang Beinert, habe seine ursprüngliche Bedeutung gänzlich verloren, u. a. durch das Ende des materiellen Schriftsatzes, der auch dazu geführt habe, dass es keine allgemein gültige und klare Definition mehr gebe. Man könnte einwenden: Weil sich die Fachwelt wider besseren Wissens nicht darum bemüht hat.

Beinert gliedert Typografie in diese Aufgabenbereiche:

  1. die Kulturwissenschaft und Lehre der historischen und neueren Schriftgeschichte, die Klassifikation von Druck- und Screen Fonts sowie deren kunstgeschichtliche Zuordnung
  2. das Wissen über Betrachtungs- und Lesegewohnheiten
  3. die Lehre von der ästhetischen, künstlerischen und funktionalen Gestaltung von Buchstaben, Satzzeichen, Sonderzeichen und Schriften sowie deren Anwendungen in Druckwerken, in virtuellen Medien und im dreidimensionalen Raum
  4. die Lehre, Sprache und Gedanken mittels maschinell bzw. digital reproduzierbarer Schriften sichtbar und den Anforderungen entsprechend optimal lesbar oder verständlich zu machen
  5. die visuelle Gestaltung eines Druckerzeugnisses, eines virtuellen Mediums oder einer dreidimensionalen Oberfläche in der Art, dass Inhalt und Schrift sowie die Anordnung von Text und Bild ein optisch und didaktisch befriedigendes Ganzes ergeben
  6. die Kenntnisse von der handwerklichen, druck- und programmtechnischen Implementierung einer Schriftsatzarbeit.

Jedoch erläutert er diese Einteilung nicht weiter, auch finden sich keine Querverweise und Quellenangaben. Ob und inwieweit diese Liste sinnvoll ist, sei dahingestellt, sie ist sicherlich zu überprüfen.

Auch hier die Formulierung, die in anderen Quellen ähnlich lautet: dass Inhalt und Schrift […] ein optisch und didaktisch befriedigendes Ganzes ergeben. Gilt dies nun allgemein, also auch für ein Erpresserschreiben oder die Schulmitteilung in Comic Sans gesetzt, oder ist damit bereits ein Ideal gemeint, wie es in der Typografenwelt häufig vorkommt?

Unklarer wird er dann, wenn er die Bereiche der angewandten Typografie benennt – diesmal in alphabetischer Reihenfolge:

  1. Animationstypographie (Schrift in Bewegung, Schriftanimation)
  2. Corporate Typography (Schrift im Corporate Design, Leit- und Informationssystemen)
  3. Gebrauchstypographie (Akzidenz- und Werbetypographie)
  4. Kunsttypographie (Typodesign, Typografik)
  5. Lesetypographie (Basistypographie)
  6. Plastische Typographie (Lapidartypographie, dreidimensionale Schrift im Raum)
  7. Schriftgestaltung (Type Design)

Kritik an Animationstypographie

Beinert führt das Unterscheidungmerkmal »bewegt« ein, in der Voraussetzung, dass alle anderen Kategorien die Eigenschaft »unbewegt« haben, was jedoch nicht zutreffen muss.

Animation erfordert keine speziellen Schriftarten oder typografischen Gestaltungen; grundsätzlich kann jeder Text in jeder sichtbaren Erscheinung animiert werden. Wenn Animationstypographie spezielle Gestaltungsanforderungen meint, dann sollten sie benannt werden.

Bewegung ist eine syntaktische Eigenschaft, die auf jedes sichtbare Zeichen zutreffen kann. Bewegung ist nicht nur auf räumlich-zeitlichen Ablauf beschränkt, auch Scheinbewegung wie Unschärfe zählt dazu. Vielleicht soll Animationstypographie bestimmte Kriterien der Erfassbarkeit und Wahrnehmung umfassen, erläutert wird es jedoch an keiner Stelle.

Kritik an Corporate Typography

Völlig unklar erscheint dieser Eintrag, den Beinert auch nicht erläutert. Zwar stellt er in einem anderen Artikel Corporate Design vor, aber selbst in Fußnote 15 gibt er dort keine Erklärung. Dabei stammt diese interpretierte Wortschöpfung doch vom Autoren selbst.

Und handelt es sich bei Corporate Typography nicht schlicht um Lesetypographie (Basistypographie)? Die Unterscheidungskriterien fehlen leider, Beispiele gibt es dazu keine.

Kritik an Gebrauchstypographie (Akzidenz- und Werbetypographie)

Der Gebrauchstypografie stehen im Gegensatz zur Lesetypografie wesentlich mehr typografische Mittel zur Verfügung: Die Werbetypografie kann sehr gewagte Gestaltungen eingehen, z. B. weil die Lesedauer oft wesentlich kürzer ausfällt, d. h. die Aufmerksamkeit muss schnell und für kurze Zeit erzielt werden, um die Nachricht zu übermitteln.

Beinert führt hier auch das Stichwort Akzidenztypographie an (siehe auch: Wikipedia), wozu für gewöhnlich auch die Geschäftsausstattung mit Visitenkarte und Briefbogen zählt, allerdings könnten diese Akzidenzen auch zu Corporate Typography gehören, wie sich aus dem Artikel Akzidenzdrucksachen erschließt.

Kritik an Kunsttypographie (Typodesign, Typografik)

Man könnte geneigt sein, Kunsttypographie der Gebrauchstypografie zuzuordnen, weil die Auswahl der typografischen Mittel ebenso unbegrenzt ist. Vermutlich wird hier neben die Experimentelle Typografie (z. B. Dadaismus) auch Graffiti, Pop-Art u. ä. zu stellen sein. Der Unterschied zur Gebrauchstypografie scheint darin zu bestehen, dass Kunsttypografie individuelle, gestalterbezogene Arbeiten schaffe, die eher der Selbstverwirklichung dienen und nicht unbedingt anwendungsbezogen sind. Deutlich erscheint dieser Punkt nicht: Welches Maß muss erreicht sein, damit Typografie als Typografik gilt?

Kritik an Lesetypographie (Basistypographie)

Dieser Eintrag bezieht sich vermutlich auf (Mengen-)Satzgestaltung wie Buchtypografie, Lexika usw. (ursprünglich: Werksatz ), bei denen eine allgemein gute Erfassbarkeit angestrebt wird. Das Typolexikon definiert diesen Begriff nicht weiter, auch fehlen Beispiele. Der Artikel Lesbarkeit ist dort (gegenwärtig) nicht vorhanden.

Für Lesetypografie finden strenge mikro- und makrotypografische Regeln ihre Anwendung, wie es Tschichold in seiner Elementaren Typografie vorsah:

  • wenig Schriftarten und -größen
  • Auszeichnung/Hervorhebung durch Kursiv- und Halbfettstile
  • Versalien nur als Ausnahme, dann aber gesperrt (Kapitälchen sind jedoch vorzuziehen)

Hinzu kommen Rastersysteme für einheitliche Gestaltungsraster und Farbe als Auszeichnung.

Das Ziel lautet in diesem Fall u. a.:

  • einfacher Lesefluss
  • einfache Orientierung
  • angenehmes, leicht erfassbares Schriftbild

Hierzu hat es in der jüngeren Vergangenheit sicher weitere Erkenntnisse gegeben (z. B. Wilberg). Trotz allem entsteht eine Überschneidung mit Corporate Typography: Worin liegt die Trennung?

Kritik an Plastische Typographie (Lapidartypographie, dreidimensionale Schrift im Raum)

Plastische Typographie benutzt ein neues Unterscheidungsmerkmal, diesmal die Räumlichkeit, unter der Voraussetzung, dass sie andernfalls nicht vorkommt. Räumlichkeit kann übrigens Raum, sie kann aber auch Scheinräumlichkeit meinen. Für beide Möglichkeiten lässt sich untersuchen, wie visuelle Zeichen wirken (z. B. suggestiv/beeinflussend oder imperativ/befehlend), daher gilt dies auch für die Typografie; allerdings ohne Einschränkung auf bestimmte Schriftarten und Gestaltungen.

Die physische Ausdehnung trifft zunächst auf jede typografische Arbeit zu, auch wenn die dritte Dimension gleich Null ist. Ob erhaben, gänzlich flach oder aber vertieft unterscheidet erst einmal nur ihre jeweilige Ausdrucksqualität. Anders gesagt: Jede dreidimensionale typografische Arbeit kann grundsätzlich auch zweidimensional dargestellt werden: der Inhalt, der Text bleibt gleich. Zu untersuchen gilt es dann, welche syntaktischen Mittel zur Erzielung einer bestimmten Ausdrucksqualität benutzt und warum sie benutzt werden (Pragmatik), um die Nachricht des Textes zu kommunizieren.

Kritik an Schriftgestaltung (Type Design)

Dieser Punkt wird auch von anderen häufig aufgeführt, aber der Bezug scheint nicht eindeutig stichhaltig. Im Typolexikon findet sich hierzu kein eigener Artikel. Allerdings schreibt Beinert im Eintrag Urheberrecht für Schriften und Mythos Schriftsoftware, es handele sich hierbei lediglich um Handwerk. Warum gehört dieser Punkt also zu angewandter Typografie? Ist Typografie für ihn insgesamt nur Handwerk?

Gern wird auch vorausgesetzt, dass der Type Designer gleichzeitig ein Typograf sei. Dies ist jedoch keine zwingende Verbindung. Um den Begriff zu verstehen, ist eine Unterscheidung nötig:

  • Der Gestalter einer Schriftart stellt zunächst lediglich Material für typografische Darstellung bereit, auch wenn er es im Hinblick auf seine spätere Verwendung entwirft. Aber er kann die Anwendung weder bestimmen, noch beeinflussen, noch verhindern.
  • Mit der Schriftart bezieht er zwar vermutlich visuelle Textgestaltung ein (indem er Anmutung, Erkennbarkeit, Laufweite und Kerning berücksichtigt), aber erst in der Anwendung, und zwar in jeder beliebigen Anwendung, kann die Schriftart als typografisches Mittel bewertet werden. Und dann ist es sogar unerheblich, wie eine Schriftart erzeugt wurde (manuell oder digital); wichtig dagegen ist es, warum sie gestaltet wurde: die Schriftart beeinflusst das Textaussehen. Die Auskleidung der Buchstaben ist eben ein syntaktisches Mittel (Form).
  • In der Anwendung unterstützt die Schriftart die Nachricht im Sinne der Kommunikation, aber ohne Anwendung ist die Schriftart nur ein Zeichensatz, Material. So wie Holz für die Verarbeitung nur Material ist und erst die Anwendung zeigt, ob daraus ein bequemer Stuhl oder ein wärmendes Feuer geworden ist.

Fazit zum Typolexikon

Beinert setzt in diesem Artikel zu viel wohlwollendes Einverständnis und gesicherte Vorkenntnis der Begriffe voraus. Das ist in einem lexikalischen Eintrag zu viel verlangt und bedauerlich, allein wegen der öffentlichen Erreichbarkeit im Web.

Auch erzeugt er Verwirrung, da er Begriffe wie Schrift und Sprache zu oberflächlich benutzt. Schrift ist nicht gleich Schrift, heißt es in einer Anmerkung in Mikrotypographie. Dem ist ohne Einschränkung beizupflichten: Schrift ist die lateinische Schrift (unser Alphabet) und die Heilige Schrift (die Bibel). Schrift ist auch Schriftsprache, aber Beinert meint Schriftart.

In dieser Form wirft der Artikel mehr Fragen auf, als er beantwortet. Unterschwellige Idealvorstellungen sind nicht begründet oder belegt. Dennoch schwingen sie mit, und der Autor verliert zum Schluss seine bemüht sachliche Wortwahl, wenn er ein Fazit zieht: […] weil sich die Typographie von ihren patriarchal dominierten Paradigmen emanzipiert, entproletarisiert und wieder multidisziplinär verstanden wird; sie erfährt gegenwärtig eine qualitative, intellektuelle und soziologische Transformation.
Kapier ich nicht.

Beispiel Zwei widersprüchliche Definitionen von Typografie – und warum sie beide richtig sind (Typografie.info, Stand: 16. 01. 2014)

Das Portal Typografie.info (Tagline: Die meistbesuchte deutsche Typografie-Seite) bot über Jahre hinweg keinerlei Informationen gerade zu diesem Begriff. Mittlerweile (seit 2014) findet sich nun aber auch hier eine Annäherung an eine Definition; zu einer gespaltenen, genau genommen. Denn Autor Ralf Herrmann vollzieht einen gewagten Spagat zwischen Vergangenheit (Tradition) und Gegenwart (Gestaltung). Sein Urteil fällt letztlich salomonisch aus – sowohl als auch – und legt sich damit nicht fest.

So verteidigt er einerseits die Einstufung von Typografie als Technik, womit die Visualisierung über vorgefertigte Zeichenvorlagen zu verstehen sei. Diese ursprüngliche Auffassung technischer Bearbeitung schließt jegliche manuelle Gestaltung wie Kalligrafie und Lettering aus.

Andererseits sieht Herrmann aber auch die grafische Leistung; mit anderen Worten: die Visualisierung. Noch anders ausgedrückt: Der Autor erkennt an, dass neben der ursprünglichen Auffassung weitere (nämlich neuzeitliche) Eigenschaften zutreffen, die mit dem traditionellen Begriff nicht zu vereinbaren sind.

Zwar versucht er, eine Trennung zum Grafikdesign herzustellen, kann diese aber kaum argumentieren. Übergreifend betitelt er diesen Abschnitt mit Typografie als Lehre, was vielversprechend klingt, und hebt dabei kulturwissenschaftlich [sic] Zusammenhängen und Grundlagen der gestalterischen Anwendung hervor. Die Konsequenz, die sich daraus ergibt, erwähnt er jedoch nicht. Denn Gestaltung dient nicht dem Selbstzweck, sondern der (visuellen) Kommunikation.

Erläutert oder gar begründet wird nichts. Es hat den Anschein, als wolle Herrmann das Gute, das Ästhetische der Typografie beschwören, obwohl er bereits erkennt, dass per Smartphone Nachrichten oder per Microsoft Word (warum auch immer!) typografische Nachrichten erschaffen werden könnten. Dennoch: Er hält weiterhin und zugleich am traditionellen Begriff fest, möchte ihn auch nicht schwammig verstanden wissen durch Ausweitung oder Verallgemeinerung, denn: umso größer die Gefahr, dass sich beim Einsatz des Begriffes die beteiligten Personen falsch verstehen.

Nun, wer sollte den Begriff denn falsch verstehen? Nichtfachleute? Die Allgemeinheit? Eine Definition dient doch wohl auch dem Verständnis der Allgemeinheit, damit möglichst viele eine konkrete Vorstellung gewinnen. Und falsch verstehen kann man nur etwas, das ungenügend formuliert wurde.

Dieser Spagat zwischen zwei Auffassungen funktioniert nicht, weil er keinen Kompromiss sucht, sondern nur eine Doppelbedeutung anbietet. Herrmann scheint um den dringenden Bedarf einer Definition zu wissen, sieht er doch, dass Typografie nicht erst bei Gutenberg beginnt und die Grundlagen bewusster gestalterischer Entscheidungen beinhaltet; Zusammenführung will ihm jedoch, wie erwähnt, nicht gelingen. So hinterlässt er ein Fragezeichen, das aber erfreulicherweise damit die ursprüngliche Auffassung ins Wanken bringt.

Beispiel Qualitätskriterien für gute Typografie (Forum Typografie e. V., Stand: Mai 2006)

Das Forum Typografie bietet typografisch Interessierten die Möglichkeit zum kollegialen Informationsaustausch. Leider ist die Website öffentlich wenig informativ, so steht das Diskussionsforum Typoloquium nur registrierten Benutzern zur Verfügung. Die Allgemeinheit erfährt hier kaum etwas über Typografie.

Das Forum Typografie hat Qualitätskriterien für gute Typografie zusammengestellt und empfiehlt Typografierenden diese Qualitätskriterien zu benutzen. Dahinter steht der Gedanke, dass der Typografierende seine Arbeit von Idee bis Umsetzung auch gegenüber Kunden begründen kann. Doch auch das Forum Typografie (Seitentitel: Da werden Sie Augen machen!) liefert keine Definition von Typografie als solcher. Wenden wir uns daher guter Typografie zu. Die Verfasser setzen voraus, dass es sich hierbei um gestaltende, also angewandte Typografie handelt.

Bereits in der Einleitung (Quelle: PDF von 2006) wird von guter Typografie verlangt, dass sie diese Erfordernisse optimal erfülle:

    Im Sinne
  • der gestellten Aufgaben
  • der Betrachter
  • des Produktnutzens
  • der Inhaltsvermittlung

In auffälliger Weise wird hier auf eine Unterscheidung von Medien und Anwendungen verzichtet; im gesamten Dokument ist nicht die Rede von Lesetypografie und Akzidenzen, keine Unterscheidung von Print und Screen. Dagegen wird die Rolle (und Verantwortung) der Typografie im Kommunikationsprozess festgelegt.

Wiederkehrend ist der Empfängerbezug: optimale Ansprache der Zielgruppe(n), zielgruppenrelevante Rezeptionsgewohnheiten und den Zielgruppe(n) angemessen. Wohlwollend betrachtet, ergibt sich das Kommunikationsmodell, obwohl der Begriff Kommunikation nicht verwendet wird.

Die allgemein gehaltenen Kriterien könnten hervorragend für alle erdenklichen schriftlichen Kommunikationsvorgänge und Nachrichten gelten: vom Geschäftsbericht eines Konzerns bis zum Faltblatt für ein Gothic-Event; von der Wortmarke für ein Geldinstitut bis zum Graffiti-Writing; vom Chefterminer bis zum Hello-Kitty-Kalender; vom Flughafen-Leitsystem bis zur Speisekarte am Schnellimbiss. All dies und noch mehr betrifft (gute) Typografie, ausnahmslos.

So weisen die Qualitätskriterien ausdrücklich auf viele kulturelle Ausdrucksformen hin, wobei Stilkenntnis und Stilsicherheit auch dem atmosphärischen Umfeld gerecht werden sollen; eben ihrer Zielgruppe(n) angemessen.

Aber an anderen Stellen heben die Qualitätskriterien doch wieder typische Allgemeinplätze der Basistypografie hervor:

  • Lesbarkeit und Leserlichkeit
  • Verwendung der fachlich richtigen Satzzeichen
  • Verwendung qualitätsvoll hergestellter Schriften mit vollständigen Zeichensätzen […] Kapitälchen und Minuskelziffern
  • Streben nach dem Optimum an Ästhetik

Mit diesen Einschränkungen ziehen sich die Verfasser der Qualitätskriterien aus dem Bereich der Kommunikation zurück und klammern sich an elementartypografische Konsequenz. Es ist jedoch nicht ersichtlich, warum Abweichungen keine gute Typografie sein sollen. Hier, wie so oft, werden leider keine Anhaltspunkte oder Beispiele angeführt. Bei allen allgemein gehaltenen Vorstellungen (und Verallgemeinerungen) hätten die Verfasser m. E. gut daran getan, das Umfeld (Kommunikation) und die beteiligten Komponenten deutlich zu benennen.

Beispiel: Zehn Gebote zur Typographie (Kurt Weidemann, PDF: 09.06. 2011)

Der Designer Kurt Weidemann verfasste Zehn Gebote zur Typographie, nachzulesen bei Druckschriften.de (dort als Zehn Thesen). Grundlage dieser Besprechung ist jedoch das Faksimile (PDF-Download bei agd.de.) Weidemann bezieht sich dabei auf gestaltende Typografie und geht von Annahmen und Voraussetzungen aus, die sich jedoch nur auf einen Teilbereich von Typografie beziehen können. Im Folgenden sollen die zehn Punkte näher betrachtet werden; zunächst aber in Stichworten:

  1. Typographie ist die Kunst des feinen Maßes
  2. Typographie ist eine Dienstleistung
  3. Ihre schönsten Formen […] schon vor Jahrhunderten
  4. Kaum zu verändernder Zeichenvorrat
  5. Logisches Denken und psychologisches Wissen
  6. Typographie ist Umweltschutz der Augen
  7. Typographie strukturiert Information
  8. Typographie bildet durch Schrift
  9. Kein Stilfanatismus
  10. Regeln und Meister […] kapieren

Kritik an 1. Typographie ist die Kunst des feinen Maßes

Weidemann beschreibt sie nur in wenigen Worten als Mitte zwischen Zuwenig und Zuschwach und Zuviel und Zustark. Dieses Maß ist jedoch nur messbar über ein Geschmacksempfinden, d. h. persönliches Empfinden; und das liegt beim jeweiligen Gestalter und Betrachter.

Gemeint ist vermutlich angemessene Gestaltung bzw. Maßhaltigkeit; maßvoll wäre es aber gewesen, wenn sich Weidemann nicht auf eine Kunst, sondern auf notwendiges Lernen von Maßen und Maßverhältnissen bezogen hätte, die sich auch gut mit Beispielen belegen ließen.

Kritik an 2. Typographie ist eine Dienstleistung

Weidemann definiert Typografie als Kunst, von sich selbst einmal absehen zu können. Es drängt sich die Frage auf, warum er dies für erwähnenswert hält. Grafik-Design (mit seinem Teilgebiet Typografie) ist grundsätzlich eine Dienstleistung für einen Sender (und Empfänger), Nachrichten für eine bestimmte Anwendung sichtbar zu gestalten: wenn sich der Designer dabei in den Vordergrund drängt, gefährdet er womöglich den Kommunikationserfolg.

Vielleicht sucht Weidemann hiermit eine Trennung zu Werbung, DaDa, Punk, Underground, Graffiti und ähnlichen Formen, die mit Zuviel und Zustark arbeiten.

Kritik an 3. Ihre schönsten Formen […] schon vor Jahrhunderten

Typographie hat schon vor Jahrhunderten ihre schönsten Formen gefunden.
Pause. Bitte mal darüber nachdenken.
Vor Jahrhunderten betraf Typografie vorwiegend Buchgestaltung, ihre Gestalter waren Kinder ihrer Zeit, wie wir es heute in unserer Zeit sind. Bezogen auf alle möglichen typografischen Gestaltungen, die wir heutzutage und künftig bewältigen müssen (unter Berücksichtigung vieler Medien, Informationsflut und sich ändernder Lesegewohnheiten), erscheint seine Behauptung einfach ungeheuerlich.

Gebote und Regeln, die nicht weiter benannt werden, können sich m. E. nur jeweils auf bestimmte Anwendungen beziehen. Auch sollten gestalterische Regeln regelmäßig in Frage gestellt werden, um ihre Gültigkeit zu überprüfen: Alles ist der Veränderung unterworfen, so auch Sprache, Schriftsprache und Kommunikation.

Kritik an 4. Kaum zu verändernder Zeichenvorrat

Typographie geht […] auf einen kaum zu verändernden Zeichenvorrat […] zurück. Das ist eine richtige Feststellung. Doch im Anschluss sperrt er sich quasi gegen experimentelle Schriftarten (so wenig zu verändern wie […]) und hält dagegen an einem überlieferten Zustand fest: Das Rad muss nicht immer wieder neu erfunden werden.

Abgesehen davon, dass sich die Zeichenformen einer Antiqua von denen einer Fraktur bereits in ferner Vergangenheit unterschieden, muss eingewendet werden: der Charakter einer Schriftart, also ihre Auskleidung, kann durchaus und ständig erneut geformt werden, entsprechend der Mode, der Epoche und den Anforderungen. Und ebenso wird das Rad ständig neu erfunden, wie es z. B. im Motorsport praktiziert wird.

Kritik an 5. Logisches Denken und psychologisches Wissen

Das Lesen […] ist mühselig und wird durch gute Typografie erleichtert. Hier geht es offenbar um allgemeine Lesbarkeit, Leserlichkeit und Erfassbarkeit von (längeren) Texten. Leider versäumt es Weidemann, seine recht allgemein gehaltene Äußerung zu verdeutlichen – darf Typografie bei kurzen Texten denn nicht auch mal gewollt mühsam zu lesen sein? Schließlich meint er hier nur noch gute Typographie, aber was ist dann schlechte?

Kritik an 6. Typographie ist Umweltschutz der Augen

Die Augen […] nicht zu beleidigen und zu verwirren erscheint zunächst als nachvollziehbares Ziel für visuelle Gestaltung: Ordnungsfaktoren, Komposition und Erfassbarkeit könnten hiermit gemeint sein. Aber Weidemann fährt fort: Das Sichtbarmachen von Sprache […] ist an den Grundzeichenvorrat des Alphabets […] gebunden. Das ist richtig, aber das Sichtbarmachen von Sprache bedeutet schlicht: schreiben. Mehr nicht.

Es ist also nur Schriftsprache, aber keine Typografie. Denn bereits der Schreiber gliedert und ordnet seinen Text in Sinnabschnitte und erzeugt damit Ausdrucksqualität.

Vom angekündigten Umweltschutz ist hier nichts zu lesen.

Kritik an 7. Typographie strukturiert Information

Typographie strukturiert Information […] nach sachlich-logischen und mit ästhetisch-emotionalen Gesichtspunkten. Die Aussage erscheint nicht einmal im ersten Teilsatz richtig, denn das ist doch die Aufgabe des Autoren, der seinen Text gestaltet. Aber was ist denn ästhetisch-emotional? Welches Maß wird hier angewendet (wie auch bei den anderen Geboten)?

Vor allem hier werden Aussagen aneinandergehängt wie Phrasen, die O'Brien zu Winston Smith hätte sagen können: distanziert und endgültig. Oder fehlt mir einfach die Erkenntnis?

Schlechter Satz ist unsozial. Au Backe.

Kritik an 8. Typographie bildet durch Schrift

Schrift ist Charakter. Also doch. Gemeint ist offenbar Schriftart, also gestaltete Schriftform, denn hier wird vom Entwerfer gesprochen: Schrift charakterisiert ihren Entwerfer. Anschließend lesen wir vom schlechten Charakter eines Entwerfers: Phrasen, Pathos, Dilettantismus. Vermutlich will Weidemann in knappen Worten darauf hinweisen, dass es unzulängliche Schriftarten gibt. Es lässt sich sicher nicht abstreiten, dass zu viele Schriftarten nicht ganz ausgereift sind, nicht schlüssig in ihren Formen, unvollständig auch; das könnte man als dilettantisch bewerten.

Allerdings spricht er auch falsches Pathos an und Selbstüberschätzung: darin steckt eine Kritik an Schriftarten, die sich im Charakter nicht vornehm zurückhalten, sondern über die Strenge schlagen, sich bemerkbar machen und in den Mittelpunkt stellen.

Diese Schriftarten mögen vielleicht für bestimmte Anwendungen nicht sehr brauchbar sein, aber sie deswegen grundsätzlich zu verdammen, erscheint überheblich: So wie unsere Sprache lebendig ist, mal laut, mal leise, mal überlegt, mal spontan, so lebendig muss auch gestaltete Schriftsprache sprechen dürfen.

Kritik an 9. Kein Stilfanatismus

Stilfanatismus endet in Routine. Ist das nicht schön zu lesen? Beruhigend; das geht runter wie Honig: Kein Gestalter möchte, dass seine Arbeit kalt und abweisend aussieht. Und wer möchte sich schon Engstirnigkeit vorwerfen lassen?

Nun bezieht Weidemann ausnahmsweise eine gänzlich andere Position: etwas verstehbar machen als kommunikativer Auftrag führt zum Erlebbarmachen. Damit eröffnet er ein weites Feld für visuelle Gestaltung, auf dem bei unterschiedlichen Zielen auch unterschiedliche Maßnahmen möglich sind.

Allein den ersten Satz formuliert Weidemann leider falsch: Typographie stellt so vielfältige Aufgaben heißt es da. Das ist nicht richtig. Typografie als Dienstleistung, als visuell kommunikative Gestaltung, erhält und erfüllt Aufgaben; aber sie stellt keine.

Kritik an 10. Regeln und Meister […] kapieren

Typographie kennt nur wenige Regeln und Meister, die sich in einem halben Jahrtausend gebildet und erhalten haben, behauptet Weidemann, ohne sich um Beweise und Gültigkeit zu bemühen.

Aus der Tradition zu lernen, zu kapieren, ohne dabei zu kopieren, scheint grundsätzlich ein guter Umgang mit der Tradition zu sein. Allerdings leben wir in der Gegenwart so wie die Meister damals in ihrer, die ihre Gestaltung für ihre Zeit ausführten. Und wir möchten doch unsere Arbeit für die Zukunft gewährleisten, damit künftige Generationen unsere Ansätze und Ideen als benutzbar betrachten.

Nicht nur in den letzten fünfhundert Jahren, auch in der Gegenwart versuchen wir unsere heutige Sprache verstehbar und einsichtig zu gestalten. Unsere heutige Sprache ist nur teilweise die Sprache der Vergangenheit: Sprache ändert sich, Menschen ändern sich, Zeiten ändern sich.

Mit einem vernichtenden Urteil schließt Weidemann hier ab:
In der Typographie gibt es so wenig grundsätzlich neu zu erfinden wie in der Kochkunst oder im Bett. Diese Behauptung fordert geradezu polemische Vorhaltungen bezüglich eingeschränkter Erfahrungswelt heraus, aber Weidemann spricht von grundsätzlich […] erfinden und unterscheidet vermutlich zwischen Wesentlichem und Spielarten. Dennoch klingt diese unglückliche Formulierung demotivierend: Alle Aktivitäten der genannten Bereiche scheinen von vornherein zur Langeweile verdammt.

Besser wäre es gewesen, hätte er die Einschränkungen zum Anlass genommen, um die vielfältigen Möglichkeiten hervorzuheben, die trotzdem darin stecken. Auch das lateinische Alphabet hat nur einen beschränktes Zeichenrepertoire, sechsundzwanzig Buchstaben von A - Z, und dennoch sind die schriftsprachlichen Möglichkeiten so vielfältig, dass wir uns an jedem neuen Tag erneut und neu verständigen können; täglich erscheinen neue Bücher mit neuen interessanten Inhalten. Die Kombinationsmöglichkeiten und Spielarten der Sprache sind lebendig und aufregend. Und ebenso interessant und belebend kann Typografie sein; von Küche und Bett ganz zu schweigen.

Fazit zu Weidemann

Weidemann stellt auf provokant gemeinte Weise Gebote auf, die jedoch nur für einen Teil der Typografie gelten können. Denn zu oft lässt er durchblicken, dass er gewisse Gestaltungen und Strömungen ablehnt. Gleichzeitig versucht er zwar, die Tür einen Spalt zu öffnen zum Erlebbarmachen. Doch das will in dieser Knappheit nicht gelingen.

Artikel Typografie (Wikipedia, Stand: 02. 11. 2016)

In der aktuellen Fassung des Artikels Typografie benennt Wikipedia einige Aspekte deutlicher als in der älteren Version und schreibt: […] versuchen Typografen meist die Gestaltung mit dessen Inhalt (Botschaft) in Einklang zu bringen. Damit ist der Bezug zur (visuellen) Kommunikation bereits hergestellt; und erfreulicherweise erlaubt diese wertungsfreie Betrachtung, sie auf jegliche typografische Gestaltung anzuwenden, nicht nur auf sogenannte gute.

Wikipedia sieht ebenfalls verallgemeinernd als Aufgaben, die Orientierung der Nutzer, die Einschätzung der Zielgruppe(n), die besonderen Bedingungen des Mediums zu berücksichtigen. Damit erfolgt also keine Unterscheidung, die in anderen Quellen jedoch zum Maß für »gute Typografie« wird und so den Kommunikationscharakter vernachlässigt.

Auch heißt es, es werde auch versucht, eine unterschwellig andere Botschaft (Subtext) zu vermitteln. Leider fehlt es hier an einer Erläuterung und Beispielen, steckt darin doch die große Möglichkeit der Kommunikationssteuerung. Die Autoren sehen eine derartige Beeinflussung der Aussage, wodurch der Typograf als visueller Gestalter die Rolle des Co-Autors beanspruche. Eine Rolle, die ihm eigentlich nicht zustehen dürfte, wollte man andere Quellen vergleichend hinzuziehen.

Die Autoren des Artikels versuchen eine moderne und umsichtige Beschreibung zu liefern und messen der Autorenrolle von Typografen dabei eine nennenswerte Aufgabe bei. Damit stellen sie seine Aufgaben in Bezug zur Kommunikation und sehen ihn selbst als visuellen Autoren, der mit nicht-sprachlichen Mitteln die Nachricht verstärkt. Doch gerade zu dieser Überlegung fehlen Quellen als Belege. Es bleibt zu hoffen, dass die Diskussion über Typografie Bezugsquellen schafft und ausreichenden Einblick liefert.

Schlussbemerkung

Es ist auffällig, dass die recherchierten Quellen unabhängig von einander den Begriff Typografie bestimmen und beschreiben. Eine Übereinstimmung kommt nicht zustande, wenn einzelne Interessengruppen oder Einzelpersonen nur für sich argumentieren. Darin scheint der hauptsächliche Mangel zu liegen. Obendrein gibt es keinen Rückhalt von Seiten der Forschungseinrichtungen, den Hochschulen mit ihren Fachbereichen. Allein Ralph Berger versucht sich in einer allgemeinen gehaltenen Definition, die im Ansatz gut erscheint, jedoch zu wenig das weitere Umfeld einbezieht.

Für das 21. Jahrhundert erscheint diese Ausbeute insgesamt mangelhaft. Denn in den letzten Jahrzehnten hat sich dieses Gebiet nicht so grundlegend verändert, dass man überrascht von einem neuen Zustand sprechen müsste. Vielmehr kann man sehr wohl dagegen einwenden, dass sich die Fachwelt offenbar kaum (oder gar nicht) bemüht hat, für Klärung zu sorgen: Sie lebt auch weiterhin in ihrer Wohlfühlzone – zynisch betrachtet.

So wird Typografie im allgemeinen aus ihrem Arbeitsgebiet heraus erklärt, vor allem durch die Arbeitsmittel – doch dabei entsteht die Gefahr der einseitigen Beschreibung. Dagegen wird die eigentliche Aufgabe der Typografie viel zu wenig betrachtet, nämlich sichtbare Gestaltung zum Zweck der (optimalen) Nachrichtenübertragung: Typografie ist ein Teilgebiet des visuellen Kommunikationsdesigns. Typografie sollte nicht nur über ihre Werkzeuge, sondern darüber hinaus als Mittel der visuellen Kommunikation betrachtet und ihre Arbeit im größeren Zusammenhang mit dem Sender-Nachricht-Empfänger-Modell analysiert und kritisiert werden.

Obwohl Typografie mit Schrift gestaltet, handelt es sich dabei doch um Bildsprache; Schriftarten haben ein bildhaftes Aussehen, daher ihr Charakter und ihre Anmutung. Textformen werden sogar zu Bildzeichen (z. B. ikonischer Art); Ordnung, Gliederung, Abstände und Größen sind analysierbare Faktoren der Bildsprache. Dennoch wird Schrift(-sprache) gern falsch mit Schrift(-art) gleichgesetzt.

Typografie sollte außerdem semiotisch untersucht werden (Syntaktik, Semantik, Pragmatik), um ein besseres Verständnis für angewandte Typografie zu erlangen und nachvollziehbar ihre Arbeitsweisen darzulegen.

Und schließlich sollte eine Definition für Typografie alle diese Merkmale aufweisen, damit nicht nur die Öffentlichkeit einen deutlichen Begriff erhält.

Frank Baranowski

Siehe auch: Typografie und visuelle Kommunikation