Schreiben fürs Web

20. 04. 2017

Trotz vieler Hinweise auf die Wichtigkeit, schreiben Autoren immer noch Text für Leser, aber keine Informationen für User.

Informationen müssen schnell erkennbar und erfassbar sein. Die Suche danach ist sonst ermüdend. Einfache, kurze und verständliche Infos dienen aber jedem User.

Schreiben fürs Web

Im Web sind Texte nicht für Leser, sondern für User bestimmt. Der User überfliegt Texte auf der Suche nach Informationen, er liest sie jedoch nicht wörtlich. Siehe auch Jakob Nielsen: How Little Do Users Read?

Quality digital content goes beyond print needs to include clear headlines and other elements that help users save time by focusing their scanning eyes on information that they actually want to read.

Jakob Nielsen  |  Vollständiger Artikel

Dies ist abhängig von der Art der Information und der Website. B2B-Umgebungen unterscheiden sich völlig von Websites für Kinder, um ein Beispiel zu nennen. B2B-Informationen können sowohl Fachvokabular wie auch Verständnis der Schriftsprache voraussetzen. Auch die Länge des Textes und seine Zusammenhänge sind für eine geeignete Zielgruppe bestimmt.

Doch auch diese Websites benutzen vermutlich eine andere Schriftsprache, wenn sie sich im Bereich »Jobs/Career« an künftige Bewerber wenden, die noch Studenten, Auszubildende oder Schüler sind.

Schreiben fürs Web bedeutet auch, in einem bestimmten Tonfall zu schreiben. Jakob Nielsen sieht vier verschiedene Arten von Tonfall oder Ansprache. Grundsätzlich ist aber die Schriftsprache dabei so einfach und verständlich wie möglich zu halten. Denn das Lesen am Display meint Auslesen von Informationen, selten jedoch mehr.

Textgliederung

Überschriften sind immer wichtig. Sie dürfen keinesfalls allein für sichtbare Hervorhebungen eingesetzt werden. Zwischenüberschriften erleichtern den Überblick und geben wichtige Hinweise auf das Folgende. Dabei ist auf eine sinnvolle hierarchische Gliederung zu achten. Die Auszeichnung eines Abschnitts per id für einen Hyperlink erleichtert die Navigation innerhalb des Artikels.

Ebenso wichtig ist dabei ihre Formulierung. Eine Überschrift sollte selbsterklärend und nützlich sein. Übertreibungen und Ausschweifungen sind wenig hilfreich.

Der Text sollte in sinnvolle und kurze Abschnitte gegliedert sein; auf Ausschweifungen und Wiederholungen ist dabei zu verzichten. Die Informationen müssen schnell erfasst werden. Ein Gedanke pro Absatz ist eine Richtlinie, die zunächst als Grundlage dienen kann.

A good design, architected for reading, helps everything.

Ben Brooks  |  Vollständiger Artikel

Eine einleitende Zusammenfassung erlaubt dem User zu entscheiden, ob er sich überhaupt mit dem ganzen Text beschäftigen möchte. Sie sollte daher entscheidende Informationen und Anreize liefern, aber nur versprechen, was daraufhin auch belegt wird.

Bei langen Texten empfiehlt sich eine Navigation zu Beginn des Artikels (Beispiel: Wikipedia). Der User kann die einzelnen Abschnitte damit direkt aufrufen. Die Formatierung der Seitennavigation als Liste ist sinnvoll, dabei dürfen die Listenpunkte jedoch nicht entfernt werden, weil sie immer eine wichtige sichtbare Hilfe darstellen.

Ein Hyperlink am Artikelende verweist praktisch auf den nächsten Artikel oder zusätzliche Informationen. Der User braucht nicht nach oben zu scrollen, um dort nach weiteren Zielen zu suchen. Und ein Anker mit dem Ziel Seitenanfang vermeidet generell das Scrolling.

Schriftsprache

Eine einfache Schreibweise hilft zunächst einmal jedem User zum besseren Verständnis. Vorwissen kann nur dann vorausgesetzt werden, wenn es der Zielgruppe entspricht. Für die Ansprache weiterer Zielgruppen empfiehlt es sich, auch (stark) vereinfachte Versionen des Textes bereitzustellen.

Verschachtelte Sätze und komplizierte Wörter sind online noch schwerer als sonst zu verstehen.

Jakob Nielsen  |  Quelle

Kurze Sätze mit einfachem Satzbau erleichtern die Aufnahme. Verschachtelungen erschweren unnötig das Verständnis. Es empfiehlt sich, Sätze positiv zu formulieren. Viele Verneinungen sind oft überflüssig, doppelte Verneinungen gelten immer als verpönt.

Jakob Nielsens Artikel über Lesbarkeit und Wahrnehmung unterscheidet die Bereiche Legibility (Lesbarkeit, sichtbare Erfassbarkeit), Readability (Komplexität der Schriftsprache) und Comprehension (Verständnis der Information), die verschiedene Ansprüche mit sich bringen.

Weiterführend drängt auch Einfach für alle auf Verständlichkeit, dort aus anderen Gründen. Die Website informiert über Accessibility, zu deutsch (leider) »Barrierefreiheit«. Die Bestrebungen versuchen natürlich, vor allem Menschen mit Behinderungen jeglicher Art an den Informationen im Web teilhaben zu lassen. Mit dem Titel »Barrierefreiheit« werden diese Ziele jedoch von anderer Seite schnell in eine bestimmte Kategorie gesteckt, was ihnen aber keinesfalls gerecht wird.

I want everything to work well for everyone, and that’s what drives my obsession with accessibility.

Eleanor Ratliff  |  Vollständiger Artikel

Die Zugriffsmöglichkeit betrifft aber jeden User, der ein Interface nicht versteht, Aufgaben nicht erfüllen kann und eine Seite verlässt, weil er weitere Informationen einfach nicht sieht oder verfolgt.

Damit macht schlechtes Webdesign uns alle zu Behinderten. Es sollte aber genau der andere Fall sein: Gutes Webdesign lässt niemanden als behindert dastehen.

Barrierefreiheit hat auch eine Reihe von Vorteilen für Nutzer ohne Behinderung, heißt es bei »Einfach für alle« in der Einführung in Barrierefreiheit. Und der Artikel Kognitive Behinderungen gibt im Grunde die Empfehlungen wieder, die auch die Nielsen Norman Group bereits für Web Usability ausspricht.

Die Trennung von Web Usability und Accessibility ergibt mittlerweile also kaum noch Sinn. Jegliche Maßnahme zur besseren Benutzbarkeit einer Seite kommt jedem User zugute. Schriftsprache ist dabei nur ein erster Schritt.

Fachbegriffe und Fremdwörter

Der Einsatz von Fremdwörtern und Fachbegriffen dient allein der Zielgruppe – sie werden nötigenfalls erläutert. Sie sollten aber nicht für eine gehobene Schriftsprache benutzt werden. Abkürzungen, auch das vermeintlich bekannte »z. B.«, werden mit dem Tag abbr formatiert und zusätzlich erklärt.

HTML bietet dafür globale Attribute zur weiteren Auszeichnung: So ist das title-Attribut nützlich für Kurzbeschreibung und Erläuterung, und das lang-Attribut kündigt einen Sprachwechsel an.

Obwohl diese zusätzlichen Hilfen für mobile Geräte zur Zeit nicht sinnvoll erscheinen mögen, stellen sie doch für mausgesteuerte Anwendungen immer eine Bereicherung dar. Screenreader und Suchmaschinen lesen diese Inhalte jedenfalls aus.

Zusammenfassung

Die Anforderungen an das Schreiben fürs Web erscheinen einfach. Doch für ihre Gestaltung ist viel Arbeit erforderlich. Vor allem dann, wenn der Schreiber das Web nicht versteht. Er wird vielleicht Artikel verfassen, die in einem Buch funktionieren, doch die Lesesituation ist dabei eine völlig andere.

People form opinions based on headlines and summaries, without putting in the effort to dig deeper.

Hoa Loranger / Jakob Nielsen  |  Vollständiger Artikel

Das Web verlangt nach Informationen und Daten. Ihre Verknüpfung mit anderen Quellen ist dabei entscheidend. Informationen sind eindeutig und klar, das schließt jegliche Ausschweifung aus. Allein daraus ergibt sich die notwendige Länge eines Artikels. Alles weitere sollte entfernt werden. Stellen Sie die Geduld des Users nicht auf die Probe. Denn er kennt auch Quellen, die ihm dienlicher erscheinen könnten.

Frank Baranowski